- die etwas andere krippe -

- installation 1998 von uli lampe 

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Wir stehen vor dem imposanten Gebäude der ehemaligen Martinikirche in Moringen und nähern uns von Süden her dem über 40 Meter langen Kleinod der Romanik.

Im Rücken haben wir ein nahezu ebenso großes Zelt mit dem identischen Grundriss des Baudenkmals, das zu besonderen Anlässen und Aktionen im Sommer genutzt wird und jetzt im Winter einen nachdenklich befremdenden Eindruck macht.

Ein gleißender Lichtstrahl zeigt uns den Weg - ein dreißig Meter langer und fünf Zentimeter dicker Filzteppich, der mit Stroh belegt ist, mündet in der östlichen der sechs Arkaden des Mittelschiffes, wo uns meterige, armdicke Kerzen begrüßen. Hier teilt sich der Weg, und der Besucher wird mit Hilfe von Hinweisschildern in das Mittelschiff geleitet, in den W-art-esaal, einer eigenständigen Installation. Vier Bierzeltgarnituren, Theke, Deutscher Christbaum mit Lametta, goldenem Plastiktand und elektrischen Kerzen, abgedimmtes Licht.

An der Fensterfront sieht man eine Collage, 115 x 60 cm, die auf einem Objekt von 1987 basiert, - eintönig stilisierte mannshohe Grabsteine, mit einem gehenden und einem sich in schneller Bewegung befindlichem menschlichen Skeletts und dem Titel - "der festgehaltene Moment des Aufbruchs V " -

Sechs Kopien davon decken drei Bierzelttische ab, die dann mit transparenter Folie überzogen sind. Darauf befinden sich drei unterschiedliche Stilleben, wobei die zuletzt benutzten Gegenstände nach der Vernissage stehen gelassen worden sind; eben der festgehaltene Moment des Aufbruchs 1 ‚ II, und III -

Die dazugehörigen Bänke sind mit Stroh belegt, und ebenfalls mit Folie verpackt, auch der acht Meter lange Tresen, dort liegt das Stroh unter Glasscheiben. Für den einfältigen Betrachter eine unverständliche Kulisse, was auch verständlich ist. Der unkonventionelle findet es geil, der nachdenkliche erkennt den tieferen Sinn darin, und während die Glocken beginnen zu läuten, nimmt man gespannt und etwas verunsichert inmitten des festgehaltenen Moments des Aufbruchs ein Getränk zu sich. - Die vierte Bierzeltgarnitur ist dem Christbaum zugeordnet, gedeckt für eine konventionelle Weihnachtsfeier mit bunten Papptellern, Sparkassenpapiertischdecken, Plastikengeln, Alpenveilchen und ungepolsterten Bänken (IV).

Das Glockengeläut wird leiser, der Gast wird in den östlichen Bereich, den Chor gebeten.

Rosenduft, das Symbol der Reinheit, und gleißende schrille Farben in dem dunklen hohen Raum schlagen ihm entgegen - die Worte fehlen - das Glockengeläut verstummt, und eine einminütige Pause hilft dem Kirchgänger, sich zu sammeln. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als ungläubig zu betrachten.

Die gesamte heilige Familie einer konventionellen Krippe steht in Lebensgröße vor ihm. In der Mitte "Mary und Seppi" ‚ von links kommend ein stehender und ein kniender König, von rechts, in imposanter Pose, ein Ochse und ein liegender Esel mit Hirten, darüber zwei Schafe, und in sechs Meter Höhe der dritte König, noch darüber das Symbol des Auge Gottes und ein Engel.

Musik beginnt zu spielen, und eine erste Schrifttafel fordert den Betrachter zum Denken. Fünfzehn weitere Schrifttafeln werden in einminütigem Abstand folgen.

Die Figuren erscheinen in schrillen Neonfarben vor schwarzer Kulisse - zwei- und dreidimensional, und sind ähnlich wie bei einem Marionettentheater alle in Bewegung.

 

-Sie tragen alle keine Kleidung -

-Sie sind stilisierte Skelette-

 

Während ein knallroter Totenschädel und eine grellgelbe skelettierte Hand die zweite Schrifttafel in den Raum stellt, muss der Betrachter erkennen, dass die Figuren nur die äußeren Umrisse ihrer eigenen Personen (?) darstellen. So hat Mary nur einen Teil menschlicher Gebeine, ein Zwischending aus Schaf (skelettiert) und lieblichem Jesukind gebärend.

Eine weitere Tafel stellt die Frage - wer ist Mensch - . Seppi mit Bullengeschlechtsteil wedelnd, und vierköpfigem Gesicht - das Rindvieh mit Menschenknochen; aus dem Hinterteil ein zweites Kind gebährend; - der liegende Esel mit kopfschüttelndem Menschenschädel, hat ein ausgiebiges Sexualleben mit einem Hirten in Ziegengestalt. In ähnlicher Weise wendet sich der stehende König von hinten dem Knienden zu.

Ruhige, zum nachdenken, fast zeitlupenartige Bewegungen verbreiten unter Mensch und Tier ein unwirkliches Szenario aus dem Totenreich. Drei Flügelpaare bewegen sich gleichmäßig im Rhythmus, über allem schwebt ein Engel. Ein greller Punkt unterstreicht das Auge Gottes. Der dritte König, dreigesichtig, denkt offensichtlich an etwas ganz anderes. Die Schafe mit Menschengebeinen wedeln gleichmäßig mit ihren Totenschädeln, eines trägt das Jesuskind im Maul. Nachdenklich fügen sich die Schrifttafeln zu einem Imposanten Ganzen, alles in allem ein Erlebnis, das sämtliche Sinne anspricht: die Farben, die Bewegung, der Duft, die Musik, die Dunkelheit und das Licht. - Die letzte Tafel erscheint. Nach kurzer Pause setzt Glockengeläut ein, der rote Totenkopf und die Hand kommen zur Ruhe.

Sprachlosigkeit und (man weiß nicht warum) Applaus, vielleicht aus Verlegenheit, Unsicherheit - es hat berührt, dem Individuum entsprechend, jeden auf seine Weise -

Man trifft sich im Wartesaal wieder, die Glocken verstummen, einige sitzen in sich gekehrt vor den leise summenden Skulpturen, die fast wie schon immer sich gleichmäßig bewegen.

Die Diskussion ist eröffnet

TAFELN:

- wie war das mit der Verkündigung und dem Engel?-

- wer sollen Mary und Seppi sein?-

- wer schwängerte Mary?-

- die Könige-

- Seppi-

- der Engel-

- der Ochse-

- wer ist Mensch?-

- wer ist Tier?-

- wer lebt?-

- ist Tod Leben?-

- wer ist tot?-

- ist Leben Tod?-

- leben Engel?-

- sterben Engel?-

- wer sind die Engel?-